Montag, 1. Juni 2009

Gastbeitrag meiner Mitbewohnerin

Wie lebt es sich mit einer Prostituierten zusammen? Keine Ahnung, was ich da jetzt schreiben soll. Vielleicht erst etwas über mich? Ich bin das, was man wohl solide nennt. Ich habe einen Job, der mich nicht reich macht, aber zum Leben reicht und auch einige Freunde. In meiner Freizeit gehe ich joggen, schwimmen, shoppen und ab und zu ins Kino oder in eine Bar. Nicht sehr aufregend also.

Vor ein paar Jahren trennte ich mich von meinem damaligen Freund und suchte eine neue Wohnung. Weil es bezahlbar sein sollte und ich auch nicht gern allein bin, schwebte mir eine WG vor und so besichtigte ich einige. Manche erfüllten die schlimmsten Klischees, andere waren nett und mit einigen Leuten verstand ich mich schon bei der Besichtigung gut. Melanie gehörte zu diesen. Nachdem ich mich schließlich entschieden hatte und sie anrief, um zu sagen, dass ich das Zimmer gern nehmen würde, war ich etwas irritiert, denn sie sagte, dass sie nichts dagegen hätte, aber vorher mit mir ein Gespräch führen wolle. Ich sagte okay, worum geht es denn? Aber sie wollte es ungern am Telefon machen und deshalb verabredeten wir uns in einem Café.

Ich habe dann alles mögliche an Unterlagen, Kontoauszügen und so mitgebracht, denn ich ging davon aus, dass sie mich ein wenig unter die Lupe nehmen will. Am Ende war ich dann aufgeregter als bei meinen Vorstellungsgesprächen. Das Gespräch verlief dann aber doch völlig anders, als erwartet. Von den Unterlagen wollte Melanie nichts sehen und wir unterhielten uns einfach allgemein über Hobbys und belanglose Dinge.

Dann sagte sie, dass sie mir das Zimmer gern geben möchte, aber dass sie es versteht, wenn ich ablehne. Damit hat sie mich zum zweiten Mal an diesem Tag irritiert, denn wir verstanden uns gut und ich war schließlich gekommen, weil ich interessiert war.

Das sagte ich ihr auch, aber sie nickte und sagte, dass ich noch nicht alles wüsste. Ich würde nämlich mit einer Prostituierten zusammenleben. Ich dachte, sie scherzt und habe gelacht, aber sie sagte, dass es wirklich so wäre. Das verstand ich nicht, denn es war immer die Rede davon gewesen, dass es sich um einer Zweier-WG handeln würde. Darauf sagte sie, natürlich, denn sie selbst sei diese Prostituierte. An dieser Stelle geriet mein Weltbild ein wenig aus den Fugen, denn irgendwie hatte ich mir Huren immer anders vorgestellt, als wandelnde Klischees sozusagen, nach billigem Parfum riechend, überschminkt und ordinär gekleidet.

Sie sagte, dass sie das Zimmer gern langfristig vermieten möchte und das ich deshalb erst eine Nacht drüber schlafen soll und dann ganz ehrlich sagen soll, ob ich einziehen will. Das war gut so, denn irgendwie war es völlig seltsam – man sieht Huren fast täglich und ich bin auch nicht gegen Prostitution oder so, aber man spricht nie mit ihnen oder nimmt sie als ganz normale Menschen wahr. Im Geiste bin ich dann die Wohnung noch ein paar Mal durchgegangen und habe nach Spuren gesucht, Kondome im Papierkorb, Gleitcreme im Badezimmer, aber ich konnte mich an nichts dergleichen erinnern.

Deshalb fiel meine Entscheidung pro Melanie, aber einige Dinge wollte ich doch geklärt wissen. Zum Beispiel wäre es für mich ein Alptraum, wenn sich so ein Freier nachts im Zimmer irrt und bei mir landet oder wenn im Wohnzimmer eine Orgie stattfindet oder wenn meine Eltern mich besuchen und damit konfrontiert werden. Aber sie versicherte mir, dass sie nie zuhause arbeitet, sondern lediglich Hausbesuche macht oder auf die Straße geht. Und im Haus wäre sie nur als Nachbarin bekannt, nicht als Prostituierte.

Das alles überzeugte mich, auch wenn ich natürlich skeptisch war und gerade in der Anfangszeit auf alle möglichen Kleinigkeiten achtete. Aber sie hatte nicht gelogen und wir verstanden uns immer besser. Nach einiger Zeit wusste Melanie so die Dinge, die eine Kassiererin im Supermarkt zu beachten hat und ich bekam einen Einblick in die Rotlichtwelt. Wahrscheinlich hatte ich damit die interessanteren Erkenntnisse bekommen. Dass Melanie auf die Straße ging, fand ich extrem leichtsinnig und ich habe oft versucht, sie davon abzubringen, vor allem, weil ich es auch nicht verstehen konnte. Schließlich sind die Freier dort unangenehmer, zahlen weniger und es ist sicher nicht erstrebenswert, nachts allein in dunklen Gassen unterwegs zu sein. Aber irgendwie hat sie es erst nach einigen Jahren eingesehen und ich bin wirklich froh darüber, denn mittlerweile ist sie eine meiner besten Freundinnen und auch, wenn ich das nie tun könnte, habe ich ihren Beruf akzeptiert und finde ihn in Ordnung.

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