Dienstag, 4. Oktober 2016

Die letzten Jahre

Mir ist danach, mal wieder aus den Tiefen aufzutauchen und mein Tagebuch, wie ich das Blog auch immer gesehen habe, etwas zu vervollständigen.

Im Jahr 2012 habe ich ja das Kapitel Paysex weitgehend für mich beendet und es hat sich richtig angefühlt. Ich habe wenig vermisst und war voller Euphorie, etwas Neues zu beginnen. Ein paar Monate hielt das an, doch dann der Schock, als ich erfuhr, dass ich einem unseriösen Berater geglaubt und nahezu alles Ersparte verloren hatte. Vielleicht war ich zu naiv, aber hey, wenn ich mich selbst gut auskennen würde, dann bräuchte ich keinen Berater. Ich bin mir meiner Grenzen bewusst und umso hilfloser fühlte ich mich, als das über mich hineinbrach. All die Jahre habe ich mich gut versorgt, nicht luxuriös gelebt, aber mir immer wieder etwas gegönnt und keine materiellen Sorgen gehabt. Von jetzt auf gleich sah das anders aus und ich wusste nicht, wie ich die nächste Miete aufbringen könnte.

So souverän ich in meinem Job mit den verschiedensten Situationen umgehen kann, so hilflos und kopflos agierte ich auf einmal und nur so ist es zu erklären, dass ich einen meiner dümmsten Fehler beging: Ich lieh mir Geld im Milieu. Zu einem unverschämten Zinssatz und mit der Verpflichtung, es abzuarbeiten. Kurz gesagt, ich verkaufte mich zum ersten Mal an einen Zuhälter.

Das dies kein Zuckerschlecken würde und das ich meine Dienste nun nicht eigenständig sondern fremdbestimmt anbieten werden müsste, logisch. Dazu bin ich ja lang genug im Job um mir das denken zu können.

Was ich so nicht erwartet hatte, war wie rasant sich Dinge entwickeln können und welche Eigendynamik sich dabei entfaltet. Natürlich waren die Schulden nicht mal eben abgearbeitet, denn die Zinsen wuchsen und nicht an jedem Tag verdient man genug. So fand ich mich nach kurzer Zeit völlig in den Fängen des Zuhälters wieder. Inklusive Tätowierung als Besitzmarkierung, diversen "Körperverschönerungen" in Form von Piercings und Bestrafungen wenn die Abstecke nicht erreicht wurde. Einige Monate später wurde ich an einen anderen in einer fremden Stadt abgegeben und es ging weiter...und schließlich noch ein Wechsel. Alles zu schildern würde zu weit führen, aber bei diesem dritten Zuhälter erhielt ich die Möglichkeit, die Schulden tatsächlich abzuarbeiten, was ein intensives und an die Grenzen gehendes Pensum bedeutete, aber völlig egal, das Ergebnis allein zählte. Er war so fair, sich an die Vereinbarung zu halten und so kam es, dass ich nach zwei Jahren, die ich aus meinem Leben am liebsten für immer tilgen würde, endlich wieder ein freier Mensch war.

Einen seriösen Job anzunehmen oder gar zu studieren, war jetzt in weite Ferne gerückt. Aber ich sehe noch immer ganz okay aus, habe kein Problem mit Sex und arbeite seitdem auf eigene Rechnung weiter. Sollte ich mit meinem Schicksal hadern? Vielleicht, aber was hätte ich davon. Mir geht es wieder gut, ein paar Euro konnte ich bereits wieder auf die hohe Kante legen und davon hätte ich vor kurzer Zeit nicht zu träumen gewagt.

Deshalb kein Zorn, kein Jammern, nur eine Erklärung für meine seltenen und kryptischen Beiträge hier in den letzten Jahren.

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