Freitag, 5. September 2008

Nachbarschaft II

Als ich so durch die Kommentare des letzten Eintrages schaute, war ich überrascht, wie viele dem Grund der Einladung sehr nahe kamen. Entweder ich bin ziemlich naiv oder die Kombinationsgabe ist leichter, wenn man nicht selbst betroffen ist und nur davon liest.

Nun ja. Ich machte mich also gestern nett zurecht, denn auch für Besuche bei Omis sollte man passend gekleidet sein. Ein wenig konservativer als sonst, dennoch aber nicht altbacken. Schließlich ist die Frau alt genug, da muss ich nicht auch noch so wirken.

So ging ich hinauf und drückte beherzt den Klingelknopf. Und nichts geschah. Ich drückte nochmals und wieder geschah nichts. Das wiederholte sich einige Male und so allmählich begann ich an Rentner zu denken, die monatelang tot vor einem Fernsehgerät sitzen und die Einschaltquote des ZDF sichern. Andererseits hatte sie am Vortag noch ziemlich fit gewirkt. So beschloss ich, erst einmal nicht Hausmeister, Feuerwehr, Polizei und GSG9 zu bestellen, sondern wieder nach Hause zu gehen.

Das tat ich mehr oder weniger, als mir auf der Treppe mit ziemlich rotem Kopf und schnaufend die glücklicherweise immer noch lebendige Omi entgegenkam. Wie sie mir erklärte, hatte sie festgestellt, dass sie nichts mehr im Haus hatte, noch nicht einmal ein paar steinharte Kekse aus der Gründerzeit der Republik. Das geht natürlich nicht an, wenn man sich Besuch einläft und so ist sie schnell zur Konditorei gelaufen und hat etwas geholt. Das Etwas entpuppte sich später als Marzipan-Sahnetorte und wird in den nächsten Tagen wieder mühsam abtrainiert sein wollen. Aber lecker war's.

Ich schweife ein wenig ab und ebenso erging es der Omi, denn sie drückte ihren Rücken durch, schaute mich an und sagte: "Sie wissen ja, weswegen ich Sie eingeladen habe, nicht?" Naja. Eigentlich wusste ich ebendies nicht. "Vermutlich wollen Sie mir ins Gewissen reden", spekulierte ich deshalb erst einmal.
"Ach was!", rief sie. "Wenn Sie so blöd sind und nicht auf sich und Ihre Gesundheit achten, dann wird es wohl wenig nützen, wenn eine alte Schachtel Ihnen Vorträge hält!"

Der Logik konnte ich mich nicht entziehen. Allerdings sind alte Schachteln nicht unbedingt immer logisch. "Sie benutzen doch Kondome?" fragte sie folgerichtig auch gleich und schaute mich forschend an. Natürlich tue ich das und bestätigte ruhigen Gewissens. "Und Ihre Kollegin tut dies auch?" Damit konnte nur meine Mitbewohnerin gemeint sein, die mit dem Gewerbe nichts am Hut hat. Trotzdem schützt auch sie sich und ich erklärte das. "Ach so.", sagte die Omi nur.

Ich bereute aufrichtig, hergekommen zu sein, sagte als höflicher Mensch aber nichts davon. Mitten in meinen Überlegungen, wie ich möglichst elegant und schnell aus der Wohnung käme, bemerkte sie dann: "Wissen Sie, wir waren damals sehr leichtsinnig. Das ich nicht schwanger geworden bin, ist letztlich nur Glück und Zufall."

An dieser Stelle musste ich das Karussell meiner Gedanken jäh anhalten und in eine andere Richtung drehen. "Ich fürchte, ich verstehe nicht ganz", sagte ich deshalb und runzelte meine sonst faltenfreie Stirn.

Ja und dann erzählte sie. 17 Jahre war sie alt, als der Krieg vorbei war und statt Eltern, die sich um sie kümmern konnten, hatte sie nur einen jüngeren Bruder, für den sie auch noch die Verantwortung tragen musste. Schnell erkannten die beiden, dass sie am ehesten eine Überlebenschance hätten, wenn sie eine Aufgabenteilung vornahmen. Der Junge begab sich täglich auf die Suche nach Kartoffeln oder anderen Dingen, von denen man sich irgendwie ernähren konnte und überredete sie, ihre Scheu zu überwinden und den Soldaten Geschlechtliches gegen Zigaretten oder Schokolade anzubieten. So schafften sie es mehr oder weniger durch die schwersten Jahre und ihr Bruder wurde zum Glück kein Krimineller, sondern kam bei Verwandten im Allgäu unter, wo er noch heute lebt.

Sie hingegen blieb zunächst bei dem Geschäftsmodell, wenngleich nun die DM die Naturalien abgelöst hatte. Doch wirklich gern machte sie das nie und deshalb machte sie Ende der Fünfziger Jahre einen radikalen Schnitt, zog in eine andere Stadt und fing in einem Büro als Assistentin an. Sie hatte Ehrgeiz und als sie Jahrzehnte später in Rente ging, verlor die Firma eine resolute und geachtete Chef-Sekretärin.

Warum sie mir all das erzählt hat, kann ich nicht genau sagen. Ich glaube nicht, dass es ungewöhnlich ist, was sie nach dem Krieg getan hat. Sehr viele Frauen dürften sich auf diese Weise das Überleben gesichert haben, nur redet kaum eine gern darüber.

Ich habe sie am Ende gefragt, ob sie mir durch die Blume zu verstehen geben will, dass ich auch etwas anderes beginnen soll, doch sie schüttelte den Kopf und meinte, dass dies meine Sache wäre. Nur auf die Kondome solle ich nie verzichten, das müsse sein.

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Trackbacks zu diesem Beitrag

Jos Welt - 5. Sep, 13:55

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…sind ja dem Klischee entsprechend... [weiter]
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Das Netz ist voll von Weblogs. Längst... [weiter]
Riffer - 5. Sep, 11:33

Bingo

Tja... da haben 'wir' wohl recht gehabt.

Nunja... was soll man dazu sagen, sie hat recht. Du musst selber wissen, was Du tust. Und irgendwann wirst Du vermutlich den Job schon aufgeben, denke ich mir. An ausreichender Klugheit mangelt es Dir sicherlich nicht, wenn man so liest, was Du schreibst.

Trucker (Gast) - 5. Sep, 11:34

Ich glaub, das war Dein meisterwartetster Blogeintrag überhaupt!
:-D
Also ist's doch tatsächlich keine doppelmoralische Standpauke
geworden, sondern ein kleines Treffen unter Kolleginnen.

Ich finde das bemerkenswert, daß eine Frau, die in so einer
prüden Zeit großgeworden ist, auch zu solchen Teilen ihrer
Lebensgeschichte stehen kann :)

P.S.:
Ich bin ein echter Fan von Deinem Blog, super geschrieben
und super interessant :)

tommy1208 - 5. Sep, 12:38

also ich hätte ja mit vielem gerechnet, aber...

Respekt vor der alten Dame, dass sie so offen mit ihrer Geschichte umgehen kann. Obwohl ich auch glaube, dass sie das nicht jedem erzählen würde...

tutench (Gast) - 7. Sep, 22:42

Vielleicht freute sie sich nur mal mit jemandem über die Zeit reden zu können. Ich schätze, das Thema konnte sie den sonstigen Nachbarn und Bekannten seit den 50ern nicht erzählen...
Frau Ährenwort (Gast) - 5. Sep, 12:47

Ich weiß nicht wieso, aber ich bin gerührt...

Primel (Gast) - 5. Sep, 13:18

ehhh

ich denke sogar, dass sie das so ziemlich niemandem erzählen kann.
Das war, so denke ich, ein Stück Vergangenheitsarbeit, oder wie man das nennt, für sie.

Gerührt hat es mich die Geschichte auch.
Jo (Gast) - 5. Sep, 13:48

Also, da pallst zu meinen Gedanken dazu nur ein einziges Wort: Wow.
Sich einer mehr oder weniger fremden Person so zu offenbaren, ist ja an sich schon echt respektabel. Aber dass sie nach ihren offenbar nicht so angenehmen Erlebnissen immer noch eine so entspannte Ansicht der Dinge hat, ist wirklich ehrenwert. Meinen ganz großen Respekt an die Dame.

(Wenn die jetzt noch das bloggen anfängt, fall ich ins Grab... *g*)

Jo (Gast) - 5. Sep, 13:49

*korrigier*

Grmpf, "passt", nicht "pallst"
Erwin (Gast) - 5. Sep, 14:16

schon interessant dass auch damals die amerikaner, briten, usw, die wirtschaftliche not der besetzten bevölkerung zur verschaffung eigener persönlicher vorteile nutzten. Die haben es halt besser drauf ihre sachen zu vermarkten, bei den russen war das unorganisiert und vergewaltigungen, hier dann ein wenig mehr gesellschaftskonform.

Das es ähnliches auch momentan in Afghanistan bspw. gibt, das bekommt man selten mit, höchstens dann, wenn die Taliban einige der so ihren Lebensunterhalt erwirtschaftenden Frauen umgebracht hat.

Die Menschen sind halt weiterhin doch nur Tiere, auch wenn sie oft versuchen etwas anderes zu vermitteln.

Matthias (Gast) - 5. Sep, 17:10

Jaja, das hätt's unter Adolf nicht gegeben, bla...
Erwin (Gast) - 6. Sep, 09:18

was hat das jetzt mit adolf zu tun ? außerdem gab's da ja auch bordelle, in deutshcland, in afrika, in kz's ...

ich finde es ist nur ein unterschied ob man prostitution in einem land erlaubt in dem es ein funktionierendes soziales netz und andere einkommensmöglichkeiten gibt, oder ob man in einer nachkriegssituation frauen deswegen ausnutzt.
Und die irgendwo in der fremde stationierten soldaten, egal welcher nationalität, werden ja wohl ihre 1-3 jahre ohne sex auskommen können.
Matthias (Gast) - 21. Sep, 22:09

Damit meinte ich, dass in den Jahren zuvor die Deutschen umgekehrt sicher genauso in den von ihnen besetzten Ländern verfahren haben.
Louffi (Gast) - 5. Sep, 14:53

Wow. Hut ab vor der alten Dame. Große Klasse.

Tom (Gast) - 5. Sep, 15:13

Gute Geschichte

Vielen Dank für diese wunderbare Geschichte. Die beeindruckendsten Menschen findet man meist dort, wo man sie am wenigsten vermutet ...

Mathias (Gast) - 5. Sep, 16:17

Das zeigt uns doch: manchmal sind unsere Mitmenschen völlig anders als wir denken. Nicht unbedingt besser, nicht unbedingt schlechter, aber eben anders als erwartet. Ich finde es toll von der alten Dame, ihre Erfahrungen mit dir zu teilen, nicht belehren, bekehren oder ermahnen zu wollen, sondern einfach sagen "So war das bei mir."

berka - 5. Sep, 20:09

Kompliment

Das ist wirklich die am besten erzählte Geschichte die ich hier bisher gelesen habe, und ich fand vieles anderes schon lesenswert!

kelef (Gast) - 6. Sep, 02:44

klasse, die oma.

ich hab zwar keine einschlägigen erfahrungen, aber ich kenne schon sehr viele verschiedene menschen, um das einmal vorsichtig auszudrücken.

und deshalb kann ich mir auch gut vorstellen, dass die oma einerseits irgendwie einmal auch ihre geschichte jemandem erzählen wollte, der sie dafür weder verurteilt noch schief anschaut usw., sondern einfach zur kenntnis nimmt. und zwar ohne irgendwelche vorurteile, hintergedanken, etc..

und vielleicht war auch ein klein wenig "sie sind nicht allein" dabei, oder das vorsichtige angebot "wenn mal alles sch... ist, mit mir können sie reden".

wievielen menschen kann man denn so eine geschichte erzählen, ohne dann schief angeschaut zu werden?

und, weil es mir gerade wieder einfällt: so alte (ex)prostituierte haben ja meist sowieso ein herz wie ein löwe, und dinge gesehen und erlebt und gehört, von denen andere nicht einmal träumen. und ich meine jetzt: menschlich gesehen, nicht auf den beruf bezogen.

Katarina (Gast) - 6. Sep, 15:15

Eine Frage

War es denn ein schöner Besuch? Das kam irgendwie nicht rüber, ob es nun unangenehm war oder nicht ;)
Der Grund warum Sie das wollte scheint mir doch offensichtlich - sie wollte mal darüber reden. Wem kann man denn sowas aus seiner Vergangenheit unbesorgt anvertrauen? Und ganz besondes als geachtete ältere Dame.

Katarina (Gast) - 6. Sep, 15:16

Oh

Na ich sehe gerade dass mein Vorkommentator das schon fast identisch in Worte gefasst hatte... sorry, die Kommentare hatte ich übersprungen ;)

Norbert (Gast) - 7. Sep, 21:13

Geradezu historisch interessant ...

... wäre doch fast mal, zu erfahren, wie damals die Preise für diese Dienstleistungen aussahen.

Das meine ich ganz ernst.
Nicht aus Sensationsgier sondern quasi als Mosaikstein der jüngeren Geschichte.

ellenunddersex (Gast) - 7. Sep, 22:47

Na, das ist ja wirklich spannend und erstaunlich. Respekt vor der alten Dame, die das alles nicht verdrängt hat, sondern sich jetzt offen darüber zu reden traut! Und Kondome sind ja tatsächlich wichtig, da hat sie ja Recht! ;-) Also auf gute Nachbarschaft für euch beide!

tshalina (Gast) - 11. Sep, 10:25

Interessant

Ich glaube ihre Vergangenheit hat sie noch nicht ganz so verarbeitet, wie sie es sich gewünscht hat über all die Jahre. Nachdem sie "sittsam" und "brav" geworden ist, war sie sozusagen allein mit dem Wissen um ihre Vergangenheit und ich glaube du hast die Einladung bekommen, weil sie Absolution wollte. Alte Menschen sind häufig sehr nachdenklich und manchmal gehen ihre Gedanken echt sonderbare Wege.

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